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Arbeiten in Stein bildo Galerie
     
Rede zur Eröffnung der Ausstellung Arbeiten in Stein
von Born/Heine in der bildo Galerie Berlin 1987

Der letzte Herrscher der Song-Dynastie ließ zahllose Steine zu einem kosmischen Garten versammeln. Dieser riesige Park galt als vollständige Darstellung des sichtbaren wie des unsichtbaren Universums. Jeder Stein war ein potentielles Gebirge. Steine sind nach keinem Ebenbild geschnitten, weder nach dem der Tiere oder dem der Legenden. Zerbrochen bilden sie noch ein Ganzes, ein Stück. Sie sind älter als das Leben, das auf manchen von ihnen erst entstanden ist. Steine müssen nicht des Todes gegenwärtig sein, sie haben nichts weiter zu tun als die Zeit zu überstehen. Ihnen wohnt ein Moment unfaßbarer Regression inne, ein Zustand der Unbestimmbarkeit. Der Fotografie wohnt virtuell eine Tendenz zur Stillegung der Zeit inne. Fotografische Bilder wirken oft voll. Es ist ihnen nichts hinzuzufügen. Sie lassen keinen Platz mehr. Das gibt dem Fotografischen etwas Monströses, das sich aufs Gewesene beschränkt. Parallel zur Entstehung der Fotografie im 19. Jahrhundert ist gesellschaftlich etwas zu beobachten, das sich als Krise des Todes bezeichnen läßt. Der Prozeß vom Leben zum Tod wird als Paradigma auf das simple Auslöschen reduziert. Mit dem Verschwinden der Riten verschwindet der symbolische Tod, der asymbolische Tod außerhalb von Religion und Ritual wird ersetzt durch das jähe Eintreten des buchstäblichen Todes. Der Schmerz, den er bereitet, kann nicht in Trauer verwandelt werden. Die gleiche Differenz trennt die Ausgangspose vom fertigen fotografischen Abzug. Die Unbeweglichkeit des Fotos fließt von der Darstellung zur Bewahrung. Der Zeit ist eigentümlich, daß sie abläuft, die schon abgelaufene Zeit ist die Vergangenheit, und Gegenwart nennen wir den Augenblick, in dem sie abläuft. Die Dauer, die diese Gegenwart notwendigerweise beansprucht, löscht die Fotografie virtuelle aus. Die Dauer realisiert sich ausschließlich über die Empfindung von Bewegung. Sie in die Fotografie zurückzubringen, ist das Ziel. Die Teilung ist das Werk der Einbildungskraft. Ihre Funktion ist es, die bewegten Bilder der täglichen Erfahrung festzuschreiben wie ein momentaner Blitz, der die Nacht einer Gewitterlandschaft beleuchtet. Das Anhalten unterbricht die Bewegung. Die Angaben der Sinne, die die Bewegung zeigen, müssen nicht eins sein mit den Kunstgriffen der Ästhetik und des Geistes, die sie erst zusammensetzen können. Dieser abnorme Charakter der Bilder besagt, daß sie hergestellt wurden. Das ist der Plan. Wie jeder Plan ist er ein Zusammenhang von Bildern und Gedanken, der einen Eingriff in die Wirklichkeit voraussetzt. Die Bilder, von denen die Rede ist, können aber in der Psychologie der Planung keinen Platz finden. Sie sind Bilder der imaginären Planung. Es ist nutzlos, sie fortzusetzen. Es genügt, daß sie da sind. Die moderne Wahrheit ist kinematographischer Natur.

Jochen Lingnau, 1987