Born & Heine » Born » Ausstellungen 2002 - 1999  
 

binokulare Installtionen bildo Galerie
     
Eröffnungsrede zur Ausstellung

"deus ex machina"

Die bildliche Wahrnehmung ist zunächst eine räumliche Angelegenheit. Die beim realen Sehvorgang empfundene Räumlichkeit entsteht aufgrund der unwillkürlichen Vereinigung der beiden Netzhautbilder unserer Augen. Der wahrgenommene Raum entsteht aus der Synthese zweier Bilder. Die Konstitution des Raumes findet durch den Blick statt, er ist die, noch vor aller Reflexion, synthetisch erzeugende Instanz des Subjekts. Der Raum, der erzeugt wird, entspricht, wenigstens seit der Renaissance, dem zentralperspektivischen Ideal, er ist stetig, homogen und unendlich. Die Logik dieses Verfahrens erzwingt den Ausschnitt, der die Guckkastenwirklichkeit der Bilder bestimmt. Die Bilder, die sich mit zweidimensionalen Mitteln diesem Ideal zu nähern versuchen, auch die Photographie gehört dazu, sind aber nur in der Lage, Annäherungen durch gelungene Transformation im Bereich des Zweidimensionalen zu erzielen. Das Ma_ der zentralperspektivischen Perfektion der Bilder ist seit Brunelleschis Experiment das Ma_ der Qualität der Abbilder. Die Wirklichkeit der Bilder beruht darauf, dass ein Teil der Wirklichkeit abgespalten wird und damit transportabel ist.


"Binokulare Installationen", wie sie in der Ausstellung zu sehen sind, bedienen sich einer Methode, der des stereoskopischen Bildes, die die skizzierte Problematik zu überspringen scheint. Im Medium des Blicks realisiert sich unmittelbar ein "tatsächlicher Raum" als perfekte Raumillusion. Beim Blick in die Binokularen Installationen, gegenüber den tatsächlichen dreidimensionalen Tortellini, stellt sich die Frage Descartes, ob das Wahrgenommene überhaupt wirklich ist, nicht mehr. Die Tortellini erscheinen klar, scharf und räumlich, sie sind im Raum erfahrbar. Möglicherweise denkt es sich besser existenzialistisch denn vernünftig mit Merleau-Ponty: "Man darf nicht fragen, ob wir wirklich eine Welt wahrnehmen, sondern man muss im Gegenteil sagen: die Welt ist das, was wir wahrnehmen." Die Binokularen Installationen geben den Blick auf eine Welt frei, deren Existenz unbestreitbar ist. Aber auch bei dieser Auffassung ist immer noch ein Glaube an die Wahrnehmung präsent, der den Kontakt zur Wirklichkeit garantiert, auch wenn das Versprechen ihres festen Besitzes aufgegeben werden muss. Ganz gleich, ob mit analytischen Urteilen auf den Begriff des cartesianischen Geistesoder existenziell auf die Mechanismen der Erfahrung gesetzt wird, Wahrnehmung und Wirklichkeit passen nicht fugenlos ineinander. Theoretischerseits bedarf es irgendeines "deus ex machina", der sinnliche Anschauung und Begriff zusammenfügt. Die bekannteste Variante stammt zweifellos von Kant: "Es ist also ungezweifelt gewiss..., dass Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen aller (äusseren und inneren) Erfahrung, bloß die notwendigen Bedingungen aller unserer Anschauungen sind, im Verhältnis auf welche daher alle Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge sind..." Das will heissen, dass ein und dieselben Tortellini noch lange nicht für alle Menschen die gleichen sind. Das mag wohl wahr sein, muss aber die Künstler nicht weiter beschäftigen.


Das Besondere an allen stereoskopischen Bildern und auch den Binokularen Installationen ist zunächst darin zu sehen, dass der "deus ex machina" ganz unmetaphorisch zu nehmen ist. Er hat sein Dasein als Metapher aufgegeben, der Gott tritt aus der Maschine heraus, er erscheint als Installation. Raumillusion stellt sich ganz unkompliziert und unmittelbar durch den Blick in eine apparative Anordnung ein. Das Frappierende ist hier, dass mit technischen Bildern, mit Photographien ein Blick ermöglicht wird, der auf Raumerfahrung zielt. Ekkehart Rautenstrauch und Thomas Born verwandeln mediale Bilder, die den Raum aufzuheben scheinen, zum Medium radikaler Raumerfahrung.
Der Umgang mit dem Bildmaterial ist skulptural, die Tendenz aller technischen Bilder zur Einäugigkeit wird in den Binokularen Installationen überwunden. Die Künstler decken die synthetische Struktur des Blicks und seine Beziehung zum Raum auf. Das Prinzip der raumerzeugenden Synthese wird vorgeführt und zur Konsequenz getrieben, stereoskopische Bildpaare werden zu skulpturalen Environments, die den Ort ihrer Entstehung - den Kopf - verlassen. Ekkehart Rautenstrauch photographiert Materialsammlungen, er erstellt Assemblagen aus Fundstücken und bearbeiteten Materialien, Zeichnungen etc., die im Raum arrangiert werden. Seine Installationen beziehen den Betrachter in den Illusionsraum ein, der ein für den photographischen Proze_ inszenierter Raum ist. Die Mittel der Inszenierung selbst sind dabei meist nicht photographischer Art, wie auch die Stereoskopie bei Rautenstrauch nicht ausschliesslich mit photographischem Material arbeitet. Die Stereoskopie erscheint hier als Mittler zwischen dem inszenierten Bildraum als erstarrter Bilderwelt und der Dynamik des visuellen Übersetzungsprozesses im Kopf des Betrachters, dem Entstehungsort der Raumbilder.
Rautenstrauch bezeichnet den Prozess des entstehenden Kunstraums zwischen den Bildflächen und dem Betrachter als "Mikro-Performance". In diesem Raum soll der Betrachter sich wiederfinden, hier findet stereoskopische Raumerfahrung statt.


Anders bei Thomas Born, Stereoskopie wird hier exklusiv unter medialen Aspekten verstanden. Die photographischen Sujets erscheinen aufs äusserste reduziert. Born treibt das synthetisierende Prinzip in einer Computerinstallation zur Verbindung unterschiedlicher Medien. Die Produktivität des Bildermachens, die auf der Distanz des Sehens beruht, führt zur Hypertropie des Optischen. Zunächst sind stereoskopische Photographien da, die durch die Distanz zweier geringfügig unterschiedener Bilder beim Betrachten aus der Distanz ein drittesräumliches, aber immaterielles Bild ergeben. Das Realitätsprinzip, der Beweischarakter, der der Photographie anhaftet, ist hier schon durch die Erscheinung eines Nicht-Vorhandenen im blo_en Wahrnehmungsbereich zerstört. Der Transformationsprozess der Digitalisierung, dem die Bilder unterworfen werden, führt durch duale, endlose Zahlenströme hindurch zu anderen Bildern. "Fantomas" ist Skulptur, ist Verschmelzung zweier Bilder genauso wie die Verschmelzung zweier Medien. Mit den Mitteln der Photographie und der Bilddigitalisierung wird der Betrachter in die Fata Morgana seiner Blicke geführt. In "Fantomas" sehen wir nicht den Geist aus der Maschine, vielmehr erscheint die Maschine als Geist.

Jochen J. Lingnau, Berlin, Februar 1990