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die Macht der Simulation Künstlerhaus Bethanien Berlin
     
Rezension: taz Berlin vom 26.5.1984/Kultur

Videospiele und der Falklandkrieg - Realität und Fiktion - mischen sich auf den Monitoren der Video-Performance von Thomas Born und Anna Heine. Den Klang liefert Folkmar Hein. Die nächsten Vorführungen gibt es in Regensburg und Tübingen.

Szenerie. Auf zwei nebeneinander im Raum angeordneten Monitoren sehen wir Bilder von Bildern. Bilder aus Spielfilmen meist, einige dokumentarische Aufnahmen, Videospiele, Querschnitt durch den Fundus der Videotheken. Dazu, quadrofonisch - elektronische Klänge. Titel: Die Macht der Simulation.
In seinem Passagen-Werk muß Walter Benjamin eine Art von Montage-Gedanken verfolgt haben, der eine Reflexion im Sinne herkömmlicher Theorie als eigenständiger Konstruktion, die sich über dem bearbeiteten Material erhabt, überflüssig macht. Durch die Art der Organisation und Anordnung seines Materials, der Zitate und kurzen Statements, muß er wohl angenommen haben, spränge sozusagen die Intention seines angestrebten Unternehmens unmittelbar heraus. Es wäre von einer Methode der „schockhaften Montage“ zu sprechen.
Anna Heine und Thomas Born montieren Material, das sich in Videotheken findet. Kernstück ihrer Installation sind zwei Monitore, die den Blick auf sich ziehen, die Parallelität von zwei Videotapes, deren Maß und Rhythmus in eine ästhetische Ordnung einführen, die zweierlei zu versöhnen trachtet, die für den Zusammenhang, aus dem sie herausgenommen sind, stehenden Bilder mit verschiedenem Inhalt und dem schönen Schein der für sich stehenden Bilder. Weil sie sich in ästhetischer Form präsentieren, können wir sie genießen. Die aristotelische Vorstellung von der kathartischen Wirkung der Kunst, die ihre Doppelfunktion aufscheinen läßt, zeigt sich hier, zu entzweien wie zu versöhnen, das Verdrängte herauszuholen und gereinigt wieder zu verdrängen, anzuklagen und freizusprechen.
Die elektronische Klanginstallation (Synclavier II, Analogsynthesizer, Tonbandmanipulation, Timecode-Synchronisation) spiegelt die Absicht der gesamten Installation. Bilder von ihrer einengenden Form zu befreien, ihnen eine versteckte Wahrheit zurückzugeben, ihre Bedeutung explosiv werden zu lassen. Den bekannten Fluß der narrativen Bildersprache zu unterbrechen. Wiederholung zum Element der Entwicklung zu machen, den Umgang mit Bildern zum Spiel, zum jeu interdit, und so der Phantasie als einem Mittel der Erkenntnis ihre Existenzberechtigung zu geben. Dies vollzieht Folkmar Heins Musik, indem sie bekannte musikalische Bilder, etwa ein stilisiertes Herzklopfen im Moment der Gefahr, zu Variationen über ein Thema macht. Das Thema Verwandlung von Bildinhalten und Bildformen in Phantasie.
Wer einem solchen Unterfangen folgt, riskiert, sich am Rande der Verständigungsmöglichkeiten zu bewegen. Prüfstein des Wahrheitswertes einer solchen Phantasie kann nur ihre Orientierung an der Zukunft sein, die sich dagegen behauptet, daß das Alte in neuem Gewand erscheint und die Vergangenheit ihre Macht über die Zukunft behält.
Der Titel, den Born/Heine gewählt haben, läßt an Baudrillard denken, der von der Simulation und ihrer Macht oder besser - Übermacht, gerade was moderne Medien betrifft, redet. Er sieht die drohende Ununterscheidbarkeit von Realität und ihrer Simulation durch Medien, die Realität verfällt in Agonie. Wer dem erliegt, sitzt in der Falle, ohne Ausweg. Mit der Macht der Simulation wird die Macht des Immergleichen errichtet, die nicht mehr zwischen wahr und falsch, Vergangenheit und Zukunft unterscheiden läßt.
Die Unterscheidung von Phantasie versus Vernunft, die aus dem Monopol des Realitätsprinzips auf das Bewußtsein resultiert ist, läßt nur die zur Rationalität verkommene Vernunft als Maßstab zur Bestimmung des Subjekts zu, sie entscheidet allein über Nützliches und Unnützes. Die Phantasie zu ihrem Recht kommen zu lassen, war Programm der Surrealisten, Breton: „Die Phantasie in die Sklaverei zu verbannen - selbst wenn es sich um das sog. Glück handelt - hieße, sich all dessen zu berauben, was man in seinem eigenen Innersten an höchster Gerechtigkeit findet. Allein die Phantasie gibt mir Rechenschaft über das, was sein könnte.“
Wenn das Margarine-Mädchen durch die duftend grüne Landschaft tanzt und auf dem anderen Monitor der Flug einer militärischen Rakete beobachtet wird, sind beide Bilder-Mythen vom Realitätsprinzip diktiert. Einmal die perfide heile Welt, das andere Mal der vom modisch apokalyptischen Denken herbeigeredete Weltuntergang. Die Vernichtung der heilen Welt durch die Rakete ist der realste Schluß und der unzutreffendste, weil die Bestimmung beider Bilder mythisch ist. Nicht in der scheinbaren Vernichtung liegt die Gewalt, sondern in der Macht der Bilder-Mythen, mit denen hier gearbeitet wird.
So besteht fast ständig auf beiden Monitoren eine Bilderfolge, die Szenen offenen mythologischen Inhalts (Nibelungen, biblische Mythen, Zombie-Geschichten) mit Bildern raler Gewalt (Raketenstarts, Falkland) parallelisiert. Die Wirklichkeit selbst könnte man als schockartige Montage begreifen, weil die meisten ihrer Elemente bereits aus Bildern bestehen, die verarbeitete Mythen sind und nicht einfach Realität oder Erfahrung spiegeln. Darin gründet sich die Macht der Bilder. Born/Heine schaffen mit dem Mittel der Montage eine Möglichkeit, hinter diese Macht zu kommen. Montiert sind Kopien von Bildern, zu denen es keine Originale gibt. Der Schrecken und das schockhafte Moment liegen darin, daß existierende Bilder allein durch die Montage Neues sagen. Der simultane Blick auf den Historienfilm, Siegfried und Radaranlagen, auf Hagar und demonstrierende Frauen im Gavras-Film zeigt, daß all diese Bilder konstruierte Mythen sind, nicht die einen Spiel, die anderen Abbild von Realität. Bilder aus dem Falklandkrieg gehen mühelos über in Videospiele; das weist auf die drohende Macht der Simulation.
Nach der Berliner Uraufführung vom 11. bis 13.5. im Künstlerhaus Bethanien, weitere Aufführungsorte: Städtische Galerie Regensburg, Umgang mit der Aura (1.6.1984) und Kunstverein Tübingen, Kunstlandschaft BRD - Berlin in Württemberg (27.6.1984).

Jochen Lingnau, 1985