Born & Heine » Born » Ausstellungen 1989 - 1987  
 

fantomas Haus der Kulturen der Welt
     
Wenn die Menschen sterben, geben sie ihre Seelen an Gott zurück. Die Seelen bleiben nicht in der Welt. Andersherum ist es im Aberglauben, da sind die Gespenster wirklich, die toten Seelen können in der Welt bleiben. Reflexion, die in Mechanismen, ob organischen oder anorganischen, wirkt, formt diese notwendigerweise nach ihren Strukturen. Seit der Turingmaschine ist es bekannt: eine Analogie zwischen dem Menschen und intelligenten Maschinen ist nicht mehr zu leugnen. Temporäres, permanentes und selektives Gedächtnis sind, hier wie dort, potentiell unendlich vorhanden. Die Gesetze, nach denen das Gedächtnis funktioniert, sind den Gesetzen der Gewohnheit unterworfen. Die wiederum ist ein Kompromiß zwischen dem Subjekt und seiner Umgebung. Somit ist die objektive Welt zweifellos eine Projektion des Bewußtseins des Subjekts. Die derartige Erschaffung der Welt muß gelegentlich, der Gewohnheit wegen, erneuert werden. Das Sehen setzt räumliche Distanz voraus. Der Kontakt und damit die Verwirrung werden vermieden. Um in der Konfrontation von reiner Natur und reinem Bewußtsein die Atomisierung der Wahrnehmungswelt zu verhindern, muß sich die Frage beantworten lassen, wie sich aus den amorphen Empfindungsdaten die geformte Wirklichkeit konstituiert.
Den Zerfall zu verhindern, braucht es die Distanz. Darüber ob damit der Sinnzusammenhang passiv registriert und so die Wahrnehmung zu einem realen Vorgang stilisiert oder ob der Sinnzusammenhang aktiv produziert und zur reinen Bewußtseinstätigkeit erhoben wird, ist damit noch nichts gesagt. Etwas ist als Etwas gemeint. Das Wahrnehmen registriert nicht, es meint etwas. Damit befindet man sich auf der Ebene der Gegenstandsidentifizierung, wie sie sich kriminalpolizeilicherseits darstellt. Die Qualität der Ermittlungsakte hängt davon ab, daß die Kirche im Dorf bleibt, von der Verwertbarkeit und Plausibilität. Genauso ist es mit der Wahrnehmung. “Man darf nicht fragen, ob wir wirklich eine Welt wahrnehmen, sondern man muß im Gegenteil sagen: die Welt ist das, was wir wahrnehmen (Maurice Merleau-Ponty).
So denkt auch die Polizei, und deshalb hat sie Fantômas bis heute nicht gefaßt. Genauso wie die Wahrnehmungstheoretiker die Welt nicht erfaßt haben. Die neueste Form der Seelenwanderung findet nicht mehr zwischen der Welt und Gott statt, sondern zwischen dem Subjekt und anorganischen Maschinen ( Computern ), die sich neuerdings beseelt präsentieren. Die toten Seelen sind in der Welt. Auch der Kontakt, um den es hier geht, ist ein Blickkontakt, der über die Bildschirme geht. Descartes’ Frage, ob das Wahrgenommene wirklich ist, stellt sich an den Monitoren der Computer nicht mehr. Die Seelensucher analysieren nicht mehr auf Causeusen liegende Subjekte, sondern die Systemfehler. Den Augen ist das egal, der Augensinn ist kalt und gefühllos, er läßt sich leicht täuschen und seiner Kultiviertheit ist angesichts von Fernsehschirmen sowieso kaum zu trauen. Die Produktivität des Bildermachens, die auf der Distanz des Sehens beruht, führt bei den hier zu sehenden Bildern zur Hypertrophie des Optischen. Zunächst sind stereoskopische Photographien da, die durch die Distanz zweier geringfügig unterschiedlicher Bilder beim Betrachten aus der Distanz ein drittes räumliches, aber immaterielles Bild ergeben.
Das Realitätsprinzip, der Beweischarakter, der der Photographie anhaftet, ist hier schon durch die Erscheinung eines Nicht-Vorhandenen im bloßen Wahrnehmungsbereich zerstört. Der Transformationsprozeß der Digitalisierung, dem diese Bilder dann unterworfen werden, der durch duale, endlose Zahlenströme hindurch andere Bilder generiert, führt zur Frage, was das Besondere an diesen Bildern ist. Die Bilder sind durch Transformation von einem in ein anderes Medium entstanden. Hätte der Computer ein gutes Gedächtnis, könnte er sich angesichts der von ihm hergestellten Bilder an das Ausgangsmaterial, die Photographien, erinnern. Das würde selbstverständlich voraussetzen, daß die Maschine sich auch ihre eigenen Bilder ansehen könnte. Wenn man schon von Analogien zwischen Mensch und Maschine sprechen will, ist dieser Gedanke naheliegend und genaugenommen weniger irritierend als die Tatsache, daß sie ihre Bilder nicht sehen kann. Daß der anorganische Apparat eine Affinität zum Beseelten aufweist, deutet auf simuliertes Leben, das läuft aber nicht darauf hinaus, daß der Apparat zum Todessymbol wird. Er weist nicht auf den Tod hin, sondern auf die Möglichkeit, daß die menschliche Existenz, wie die der Apparate, eine sein könnte, die auch bloß simuliert ist. Die Seelenwanderung findet unter Gleichen statt.
Das ganz und gar Bild gewordene Ich auf der Photographie weist auf den Tod. Der Blick auf das Bild heißt, den Tod vor Augen zu haben. Die Bereiche, zu denen die Gewohnheit keinen Zugang besitzt, sind die, in denen die Essenz gelagert ist. Den Eingang dazu nennt Proust “unfreiwillige Erinnerung”, die durch sie hergestellten Bilder sind ebenso weit von der Realität wie von der Imagination entfernt. Marcel Proust, der Meister der Erinnerung, hatte ein schlechtes Gedächtnis. Derjenige, der ein perfektes Gedächtnis hat, erinnert sich nicht, weil er nichts vergißt. Die speichertechnische Einbalsamierung aller Augenblicke wäre die Ausklammerung des Todes, wir wären tatsächlich Gespenster. Da die Erinnerung offensichtlich durch die sinnliche Wahrnehmung bedingt ist, ist ihre Automatisierung der Feind des köstlichen Lebens.

Jochen Lingnau, 1988