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medienkunst Neuer Berliner Kunstverein
     
Zur Ausstellung „Medienkunst“ von Anna Elisa Heine und Thomas Born
im Neuen Berliner Kunstverein 1988/89

Bei Marshall McLuhan, einem der Veteranen der Medientheorie, erscheinen die Medien von ihrem Inhalt getrennt, sie sind also reine Form. Als Konsequenz daraus werden sie zum absoluten Manipulator, was nichts anderes bedeutet, als daß der zur Reflexion unbedingt notwendige Abstand durch irgendeinen Umstand vernichtet worden ist.

John Dewey, einer der Klassiker der amerikanischen pragmatischen Philosophie beschreibt das als gelungen erfahrene Kunstwerk als Konstitution der Erfahrbarkeit von Erfahrung, die das erfahrene Werk bedeutet. Die Welt präsentiert sich in Form einer neuen gemachten, ästhetischen Erfahrung. Das sagt etwas über die Erfahrbarkeit der Welt und über die Kunst als "produktives Erkenntnisvermögen". Die Kunstwerke bringen durch dieses "produktive Erkenntnisvermögen" den Menschen "vor sich selbst".

Die Medienkunst, die ab heute hier im NBK zu sehen ist, die Arbeiten
von Anna Elisa Heine und Thomas Born dokumentieren eine künstlerische Entwicklung, die für die Bestimmung eines modernen Begriffs ästhetischer Erfahrung von besonderer Bedeutung ist. "Erfahrung als Vervielfältigung" wäre ein Leitmotiv, unter den sich dieser Entwicklungsprozeß und diese Kunst, die sie heute Abend hier sehen, stellen ließen. Ausgehend von der Fotografie findet ein Aneignungsprozeß statt, der nach und nach andere technische Bildmedien erfaßt. Die wesentliche Erfahrung eines Mediums und die Erfahrung mit diesem Medium werden in ein anderes technisches Bildmedium transformiert. Die künstlerische Arbeit zeigt in ihren Produktionen die Vermitteltheit und Bezogenheit der technischen Bilder untereinander. Die, wenn man so will, "Einheit" der Medien wird zum Vorschein gebracht. Ein Medium wird durch ein anderes reflektiert und bestimmt. Die Selbstreflexion wird mit immanenten Mitteln durchgeführt, und gerade dieser Weg der ästhetischen Produktion zeigt die Immanenz der Selbstreflexivität, die als Potenzial in den technischen Bildmedien enthalten ist, auf. Die Erfahrung wird durch die verschiedenen Medien hindurch vervielfältigt.

Ein Blick auf die modernen Theorien zeigt, seit Einsteins "Relativitätstheorie", Heisenbergs "Unschärferelation", Gödels "Unvollständigkeitssatz", Mandelbrots "Theorie der Fraktale", diese Beispiele ließen sich fortführen, daß bei aller Unterschiedlichkeit der Interpretationen von Realität diesen Theorien eines gemeinsam ist: die Wirklichkeit als scharf konstruierte, klare Struktur hört auf zu existieren. Die homogene einheitliche Welt verschwindet. An ihre Stelle treten die Vielheiten, "Wirklichkeiten, in denen wir leben", die Vielfalt der Diskurse. An diesem Dekonstruktionsprozeß haben die technischen Bildmedien seit ihrer Initiation durch die Fotografie wesentlichen Anteil gehabt. Ist aber die große Deutungsklammer für das Ganze verschwunden, dann ist auch der Begriff der Erfahrung Gegenstand der Dekonstruktion.

Das ist eine Position, von der aus sich die Medienkunst von Anna Elisa Heine und Thomas Born begreifen läßt. Die Möglichkeit von Erfahrung, in der Zeit ihrer Dekonstruktion zu konstruieren, ist das Ziel. Wobei Erfahrung immer ein Erkenntnisvermögen darstellt. In ihrem prozeßhaften Erscheinen wird die Wirklichkeit erfunden. Die ästhetische Reflexion besteht in der Beziehung zwischen der Erkenntnis des Künstlers und den Dingen und nicht zwischen den Dingen selbst oder ihren Konzepten.

Die Produktivität des Bildermachens, die ja auf der Distanz des Sehens beruht, führt bei den hier zu sehenden Bildern zu einer Art Übertreibung des Optischen. Übertreibung deshalb, weil wie bei Vexierbildern, das in ihnen versteckte, gerade durch das Erscheinen versteckt wird. Als Beispiel läßt sich die große Wandinstallation, die, auf der die vielen Löcher zu sehen sind, anführen. Zunächst sind Reliefs (stereoskopische Fotografien) da, die durch die Distanz zweier geringfügig unterschiedener Bilder beim Betrachten aus der Distanz ein drittes räumliches, aber virtuelles Bild ergeben. Das Realitätsprinzip, der Beweischarakter, der der Fotografie anhaftet, ist hier schon durch die Erscheinung eines Nicht-Vorhandenen im bloßen Wahrnehmungsbereich zerstört.
Der Transformationsprozeß der Digitalisierung, dem diese Bilder dann unterworfen werden, der durch duale, endlose Zahlenströme hindurch andere Bilder generiert, führt zur Frage, was das Besondere an diesen Bildern ist.

Die Bilder sind durch Transformation von einem in ein anderes Medium entstanden. Hätte der Computer, mit dem das geschehen ist, ein gutes Gedächtnis, könnte er sich angesichts der von ihm hergestellten Bilder an das Ausgangsmaterial, die Fotografien, erinnern. Das würde selbstverständlich voraussetzen, daß die Maschine sich auch ihre eigenen Bilder ansehen könnte. Dieser Gedanke ist genau genommen weniger irritierend und auch naheliegender als die Tatsache, daß der Computer seine Bilder noch nicht sehen kann. Daß die Maschine eine Affinität zum Lebendigen aufweist, deutet hier auf simuliertes Leben hin, das läuft aber nicht darauf hinaus, daß der Apparat zum Todessymbol wird. Er weist nicht auf den Tod hin, sondern auf die Möglichkeit, daß die
menschliche Existenz wie die der Apparate eine sein könnte, die auch bloß simuliert ist.

Das Durchspielen des Erfahrungsbegriffs im Zusammenhang mit diesen Phänomemen ist die eigentliche Innovation der beiden Medienkünstler, von denen wir sprechen.

Zum Schluß muß hier unbedingt noch Erwähnung finden, daß die Arbeit der beiden Künstler einem weiteren, man kann sagen naheliegenden, Ausdruck gefunden hat.
Seit Oktober diesen Jahres existiert in Berlin die bildo akademie für Mediendesign und Kunst, die erste private Medienkunsthochschule. Sie wurde von Anna Elisa Heine und Thomas Born gegründet.
(Dieses Experiment hat aber nicht nur der Initiation von genannter Seite bedurft, sondern es hat auch die erreichen müssen, für die es gedacht ist, seine Studenten. Diejenigen die sich entschlossen haben, ein Studium an dieser neuen Hochschule aufzunehmen, haben, das läßt sich sicher sagen, nicht weniger Anteil am Entstehen der neuen Sache wie die eigentlichen Initiatoren.)
Der Schnittpunkt von Kunst und Medien, wissenschaftlichen und ästhetischen Positionen, da wo sich die Erfahrung ästhetischer Stimmigkeit und ästhetischer Wahrheit begegnen, ist sowohl der Ort der Kunst von Anna Elisa Heine und Thomas Born wie auch der der neuen Akademie.

Jochen Lingnau, 1988/89