Born & Heine » Born » Ausstellungen 2002 - 1999  
 

sensorium commune Kunst- und Medienzentrum Adlershof Berlin
     

Neue Arbeiten von Thomas Born im Kunst- und Medienzentrum Adlershof, Kulturamt
Treptow
Die virtuellen Installationen von Thomas Born sind ebenso ungewöhnlich wie bedeutsam. Ungewöhnlich sind sie, weil die Mittel der Stereoskopie in der Kunst und vor allem der Medienkunst sehr selten angewand werden und aus diesem Grund wird die Rezeption der Installationen für den einen oder anderen Besucher der Ausstellung gewöhnungsbedürftig sein. Wichtiger aber ist die Bedeutsamkeit der Arbeiten von Thomas Born.
Mit dem Wandel von einer Produktionsgesellschaft in eine Medien - und Informationsgesellschaft, wie er sich gegenwärtig vollzieht, erhält Kommunikation den Status eines zentralen Prozesses, über den sich Gesellschaft erst auf den verschiede-nen Ebenen konstituiert. Selbst wenn dies jeden einzellnen heute noch nicht bis in die letzte Konsequenz betrifft, ist der Wandlungsprozess ebenso offensichtlich wie un-aufhaltsam. Das Denken in Materialflüssen aus Zeiten großindustrieller Produktion beginnt sich schon jetzt in ein Denken in Informationsflüssen zu verwandeln. Für den Austausch von Informationen nehmen digitale Medien eine herausragende Stellung ein. Mit der zunehmenden Etablierung digitaler Medien in unserer Gesellschaft zeichnen sich gleichzeitig veränderte Bedingungen für die Kommuniktion ab. Zenrale Aspekte dieses Wandels sind die Entkopplung kommunikativer Prozesse von ihren ehemals räumlich-materiellen Grundbedingungen. Die Entwicklung medienvermittelter Kommunikation lässt sich als eine Geschichte der Entmaterialisierung der Zeichen und der Auflösung raum-zeitlicher Grundkoordinaten für den Austausch von Botschaften bezeichnen. Sie bewirkt eine physische Entkopplung von Botschaft, Träger und Übermittlung. Dieser Prozess findet Gegenwärtig in der digitalen Welt seine Vollendung und bedeutet für die an der Kommunikation Beteiligten, überall und zur gleichen Zeit qasipresent sein zu können. Der Cyberspace wird zum allgegenwärtigen Bewegungsort, in dem sich die neue ent-koppelte Sozialität entfaltet. Das Schlüsselbegriff heißt virtuel reality, ein symbolischer Ort kommunikativer Handlung.
Seit den Anfängen seiner künstlerischen Tätigkeit, Ende der 70ger Jahre, befaßt sich der Medienkünstler Thomas Born mit dieser Thematik die man auch als die Frage nach der Virtualität des Raums" bezeichnen kann. Sein Arbeit ist deshab so bedeutsam weil er die Kernfrage nach dem Virtuellen stellt: die Frage nach der Verschmelzung von Bildraum und Realraum. Borns neueste Arbeiten dazu bilden den Kern der Ausstellung im Kunst- und Medienzentrum Adlershof. Dabei handelt es sich um raumgreifende Installationen, die sich auch als Sehmaschinen" bezeichnen lassen, die auf der Basis computergenerierter Bilder, für den Betrachter einen dreidimensionalen Raum entstehen lassen. Mit seinen Installationen stellt uns Born ein sensorium commune" zur Verfügung, das uns zurückführt in die Urschicht der Wahrnehmung, uns dazu bringt auf die Wahrnehmungserfahrung zurückzugehen und uns mit der Naivität" unserer Wahr-nehmungsakte auseinander zu setzten. Unsere Wahrnehmung kommt zu ihren Gegen-ständen, und einmal konstituiert, erscheint der Gegenstand als Ursache all unserer tatsächlichen oder möglichen Erfahrungen. Wir sehen einen Gegenstand unter einem bestimmten Blickwinkel wenn wir unmittelbar davor stehen, anders sieht er von der anderen Seite her aus, wieder anders von innen, nochmals anders aus der Luft betrachtet. Der Gegenstand selbst ist keine dieser Erscheinungen, er ist wie es Leibnitz ausgdrückt hat, das Geometral" dieser und aller anderen möglichen Erscheinungen, d.h. das von dem alle Erscheinungen abzuleiten wären Es ist der Gegenstand von nirgend-woher gesehen. Das Geometral selbst ist demnach unsichtbar. Natürlich erfolgt der Zugang zu den Gegenständen, der Blick, immer von irgendwoher aus, aber und darauf verweisen die Arbeiten von Thomas Born, ohne daß das Sehen selbst in unsere Wahrnehmung eingeschloßen wäre.
Die reflexive Kraft von Borns Medienkunst besteht vorallem darin, daß sie uns vor Augen führt wieviel, von dem was wir für Wahrnehmung halten unsichtbar ist und uns vor Augen geführt werden muß. Unser ganzes räumliches Sehen beruht auf der Inbezugsetzung der eigenen Person zur optischen Reizquelle im Raum. Letztlich sind wir nur so in der Lage unsere eigene Position im Raum wahrzunehmen. Die Fähigkeit der Verortung der eigenen Person ist eine der wesentlichen Grundlagen für die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die wiederum als Voraussetzung für Kommunikation über-haupt gelten darf. Mit fortschreitender Entkopplung medial vermittleter Kommunikation und der Überwindung von Zeit und Raum werden Metaphern oder Darstellungen, die sich wieder auf diese Grunderfahrungen beziehen lassen, in besonderer Weise relevant. Sie sind von essentieller Bedeutung für die Orientierung und die Bewegung oder besser gesagt der Navigation in den raumlosen Räumen der Virtualität.
Die Arbeiten von Thomas Born tun das mit großer Komsequenz und offenbaren uns das Virtualität keine exklusive Katagorie des digital technischen Sektors ist sondern schon in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Problemen des Raums angelegt ist. Er betreibt eine konsequente Weiterentwicklung der Vernetzung von Realraum und Bildraum. Die Abstraktheit der Datenwelt benötigt Umsetzungsformen, die mit unseren gegebenen Sinnen erfaßbar sind. Das heißt, die Darstellungs und Repräsentations-formen müssen sich auf unsere Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmodi sowie auf unsere Wahrnehmungserfahrung beziehen lassen. Als physische Wesen sind unsere Wahrnehmungserfahrungen stark von der Räumlichkeit und damit von den Parametern Nähe" und Distanz" geprägt und ich denke das Born aus diesem Grunde die Mittel der Stereoskopie für seine Arbeit gewählt hat. Die Anbindung an das Wahrnehmungs-konzept der Dreidimensionalität reicht aber weit über die rein bildliche Darstellung hinaus. In der Virtualität ist alles von der Doktrin der Dreidimensionalität durchdrungen. Sie findet sich dort in stark visualisierter , aber auch in abstrakter Form. Das Denk-modell des Hypertextes etwa, operationalisiert implizit die Vorstellung einer räumlichen Tiefe, auf deren verschiedenen Tiefenplateaus Texte entlang der verschiedenen Achsen des imaginären Raumes angeordnet und vielfältig miteinander verknüpft sind. Borns Arbeiten stellen für mich prinzipielle Erkundungen des Virtuellen dar und an seinen Arbeiten bewahrheitet sich nocheinmal McLuhans berühmter Satz, dass das was in Medien erscheint, andere Medien seien. Er zeigt uns dass wir der Dinge nie sicher sein können, die Anwesenheit unseres Sehens verdank sich der Abwesenheit des Blicks, der entzogen bleibt, damit es überhaupt etwas zu sehen gibt.

Jochen Lingnau, Berlin, Oktober 2000